Donnerstag, 4. September 2014

Tag 083: Licht am Ende des Tunnels

Marion und Jörg werden heute eine Doppeletappe gehen und so verabschieden wir uns beim Frühstück von den beiden, denn mir macht zwischendrin auch mal kurze Etappe kein Kopfzerbrechen und Jeff ist weiterhin gehandicapt. Die Besteigung des Rocciamelone, des mit 3538 m höchsten Wallfahrtsorts Europas, hat er sich längst aus dem Kopf geschlagen.

Ab Usseglio geht es bis Margone erstmal ein paar Kilometer an der Straße entlang. Noch in Usseglio hält auf der anderen Straßenseite ein Auto mit zwei Personen und Fahrrädern am Heck an, die Seitenscheibe des Fahrers geht herunter und mit Händen und Füßen wird mir klar gemacht, daß man mich zum Stausee Vulpot (meinem Tagesziel) mitnehmen könnte. Ich lehne auf italienisch dankend ab - will heute schließlich zur Feier des Tages mal zu Fuß gehen ;-)
Als die beiden weiterfahren, breche ich vor Lachen beim Blick auf das Nummernschild fast zusammen: Wiener. Da hätten wir uns auf Deutsch in der Unterhaltung wahrscheinlich leichter getan *lol*


In Margone will ich dann rechts abbiegen und der Rother-Variante folgen: Statt der Original-GTA-Route durch das Tal nach Südwesten zu folgen und kurz vor dem Stausee Lago di Malciaussia steil aufzusteigen, möchte ich bereits hier vorne im Tal 300 Hm gen Norden aufsteigen und dann einer alten Bahntrasse am Hang entlang über dem Tal folgen.

Als ich an der potentiellen Abbiegestelle gerade Karte bzw. GPS zur Sicherheit konsultieren will, spricht mich ein älterer Herr an, wo ich denn hin wolle. Er will mich auf die Tal-GTA-Route schicken. Als ich widerspreche und Alternative beschreibe, ist er überfragt, holt aber gleich mal stimmgewaltig rufend einen zweiten Einheimischen herbei, der meine Wunschroute auch wirklich kennt. Die Richtung paßt und nachdem die beiden netten Herren sich versichert haben, daß ich auch wirklich eine Lampe für den Tunnel dabei habe, lassen sie mich ziehen. Wenn die beiden wüßten, daß der Paranoiker sogar zwei Stirnlampen im Rucksack hat ... ;-)

Erst geht es einen Pfad gen Norden steil bergauf aus dem Dorf hinaus, dann in einem ganz großen Bogen durch völlig verlassenen kleinen Weiler als Wendepunkt mit nur geringer Steigung an die Baumgrenze heran. Dort treffe ich auf Jeff, der einen etwas direkteren Weg hoch gekommen ist. Gemeinsam versuchen wir, aus den Tierpfaden den richtigen ohne verfügbare Wegweiser oder Markuerungen zu finden und kommen schließlich Satelliten-gesteuert an Alm vorbei in offenes Weidegelände.


Oberhalb können wir schon die am ganzen Hang entlang laufende, ehemalige Eisenbahntrasse als Einschnitt erkennen. Unser Pfad führt schräg hinauf und mündet unmittelbar in die Decauville-Trasse.
An dieser Stelle und im Lauf der anschließenden Kilometer gen Südwesten ist der Trassenverlauf genau zu erkennen, mindestens ein Trampelpfad prima zu begehen und augenscheinlich auch gut frequentiert. Schienen und Schwellen wurden hier wohl komplett zurückgebaut, auch wenn es Nordwestlich gen Monte Bassa noch Geleise geben soll. Wir finden erstmal nur Befestigungsmauern tal- bzw. bergseitig und teilweise etwas abenteuerliche Querungen von Bacheinschnitten, wo früher vermutlich Holzviadukte am Hang existierten.


Einsatzzweck der Schmalspurbahn war der Bau der Staumauer des kleinen Lago di Malciaussia Anfang der 1930er Jahre, an dem sich unser Tagesziel Rifugio Vulpot befindet. Interessanterweise fuhr die Eisenbahn nicht aus dem Tal von Usseglio hoch, vermutlich wegen des zu großen Höhenunterschieds von 600 Hm, sondern "nur" auf der Höhe vom Mote Bassa das Tal oben entlang. Mit einer sehr steilen Standseilbahn wurde das Baumaterial dorthin zum Umladen befördert. Gleichzeitig existiert von dort noch eine zweite Eisenbahnstrecke gen Nordwesten bis zum Lago dietro da Torre, von wo eine Materialseilbahn der Elektrizitätswerke zu einem größeren Stausee auf über 2.700m führt.

Nach einiger Zeit auf der Trasse und tollen Ausblicken bei bestem Wetter, erreichen Jeff und ich den berüchtigten Tunnel: Mit unseren Stirnlampen geht es nun deutlich mehr als hundert Meter durch in den Fels geschlagenen Tunnel. Beim Laufen muß man aufpassen, teilweise steht der Tunnel unter Wasser und die Vertiefungen für die Schwellen dürfen einen nicht zum Stolpern bringen.

Sehr beeindruckend !

Kurz nach dem Tunnel findet sich dann auch mehr oder weniger durchgehend das alte Gleisbett.


Die Etappe heute ist sehr kurz, um so ärgerlicher ist es gerade heute, daß es zuzieht, ein kalter Wind auf 1.800m über den See pfeift und man nirgends auch nur einen Funken Empfang im Umkreis findet.


2,5h Nachmittagsschlaf wärmen zumindest auf und vertreiben die Zeit :-)

Kommentare:

  1. Oh Mann, je mehr ich lese, desto unfassbarer wird es, dass du das alles durchstehst. Chapeau - aber mit ganz vielen Hüten. Weiterhin einen guten Spaziergang :-)

    Jutta

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  2. Hallo Jutta.

    Danke für die guten Wünsche !

    Zwischenzeitlich konnte ich den Spaziergang am gewünschten Ziel zum Abschluß bringen, nun liegt es in fremden Händen mich wieder heil zurück zu bringen ;-)

    K2.

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